Für die Verarbeitung visueller Eindrücke müssen Sehorgan und zentrale Verarbeitung zusammenspielen. Zum Sehen brauchen wir die Augen, zum Erkennen unser Gehirn. Warum sollte das beim Hören anders sein? Auch hier gilt: Zum Hören brauche ich die Ohren, zum Verstehen mein Gehirn. Daraus ergibt sich die Frage: Ist Diskrimination eine Frage von Funktion und Fähigkeit des Gehirns? Die Antwort lautet ja.
Stand der wissenschaftlichen Forschung
Markides fand schon 1986 heraus, dass die Entwicklung der Hörfähigkeit von schwerhörigen Säuglingen und Kleinkindern signifikant besser ist bei Versorgungen mit Hörtechnik vor dem 6. Lebensmonat als bei spät versorgten Kindern. Daraus folgt, dass Hören (auditorisch evozierte Impulse erreichen den Hörnerv) die Hörbahnreifung in Gang setzt, was in Folge der längeren Lernzeit des Gehirns zu einem besseren Verstehen führt.
Ebenso ist die Sprachentwicklung eines Kindes durch eine frühzeitige Versorgung auffallend besser (Yoshinaga-Itano, 2000).
Diller et al. veröffentlichten 2000: Je intensiver die Frühförderung durch Pädaudiologen und Logopäden ist, desto besser ist die Hör- und Sprachentwicklung.
Auf der anderen Seite gibt es keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Hörverlust und Kommunikations-Kompetenz. (Sendlmeier, 1992; Ruben, 2000)
Fazit: Hören alleine führt nicht zu einer guten Diskrimination. Hören (Ohr) und Lernen (Gehirn) müssen zusammen spielen.
Umgekehrt ist es schon lange bekannt, dass Hören verlernt werden kann. Man spricht von Deprivation (z.B. Plath, 1992).
Man kann also Hören ver-lernen und er-lernen.
Teilleistungen des Hörens
Wenn Sie sich die folgende Auflistung vorlesen lassen und dabei aufmerksam zuhören, erhalten Sie eine Vorstellung von der Leistungsfähigkeit Ihres Gehirns. Sie bewältigen beim Zuhören alle genannten Aufgaben fast gleichzeitig und bemerken es nicht einmal. Nach dem Kommunikationsmodell von Lauer aus dem Jahre 2001 und weiteren Ausführungen von Nickisch im selben Jahr erbringen Sie beim Zuhören
folgende auditive Teilleistungen:
- Empfindung: Sensorischer Prozess des Hörens in der Cochlea
- Auditive Selektion: Unbewusstes Herausfiltern informationsrelevanter
Schallereignisse aus dem Störlärm - Auditive Differenzierung = Diskrimination: Unterscheiden von Hörereignissen
auf Geräusch-, Klang-, Phonemebene - Identifikation: Erkennen / Wiedererkennen von Hörereignissen
- Lokalisation: Zuordnung der Richtung und Entfernung der Schallquelle
- Binaurale Summation: Verschmelzung beiderseits unterschiedlicher
Frequenzspektren zu einer Einheit bzw. - Auditive Separation: Auswerten auf jedem Ohr zeitgleich einlaufender,
aber unterschiedlicher Informationen = dichotisches Hören - Auditive Musteranalyse: Erkennen kürzester nonverbaler auditiver Muster
- Auditive Analyse: Heraushören von Einzelelementen auf Silbenebene
- Auditive Synthese: Verknüpfen von Einzellauten zu Wörtern
- Auditive Ergänzung: Ergänzen von unvollständigen Lautkombinationen
zu sinnvollen Wörtern - Auditive Kurzzeitspeicherung: Speicherung der Teilergebnisse bis zur Bildung eines Gesamtergebnisses
- Selektive Aufmerksamkeit: Bewusstes Hinhören zu momentan als wichtig eingestuften und bewusstes Weghören bei momentan als unwichtig eingestuften Schallereignissen
Tatsächlich ist die Leistung beim Zuhören sogar noch komplexer. Denn zum Verständnis eines ganzen Satzes müssen weitere kortikale, mentale Prozesse ablaufen, durch die Erwartungen, vorhandenes Wissen und innere Motivation mit verarbeitet werden, um die eigentliche Bedeutung eines gehörten Satzes zu verstehen. Wie umfangreich auch diese Leistungen sind, die hinter so kurzen Bezeichnungen wie „auditive Differenzierung“ stehen, wird deutlich bei der Entwicklung von Algorithmen zur Spracherkennung von Computersystemen: Für die Erkennung, ob ein Schallsignal einen sprachlichen Laut (Phonem) enthält, und weiterhin, um welches Phonem es sich handelt, wird das Frequenzspektrum des Schallsignals auf seine Energieschwerpunkte (Formanten) hin untersucht. Jedes Phonem hat eine charakteristische Formantenverteilung. Allerdings kann die Formantenverteilung zwischen verschiedenen Sprechern sehr unterschiedlich sein, so dass es bis heute keine verlässlichen Spracherkennungssysteme gibt, um die Sprache eines unbekannten Sprechers fehlerfrei zu erkennen. Umso bedeutungsvoller ist es, dass unser Gehirn diese für die Technik nahezu unlösbare Aufgabe scheinbar mühelos meistert.
Hören Lernen ist ein Lernprozess
Die Konsequenz der bisherigen Überlegungen lautet: Zu jeder Hörsystem-Anpassung gehört Hören lernen und zwar in dem Sinne, die oben aufgeführten durch den Hörverlust beeinträchtigten Teilleistungen wieder zu aktivieren. Dabei hat man es mit der Schwierigkeit zu tun, dass Hörverlust und Grad der Beeinträchtigung der einzelnen Teilleistungen in keinem Zusammenhang stehen (Sendlmeier, 1992; Ruben, 2000). Um sich konkrete Maßnahmen zum Hören lernen zu überlegen, sollte man zunächst auflisten, was Lernen im Allgemeinen ausmacht. Lernen erfolgt unter folgenden Bedingungen:
Information
Ohne Input ist kein Lernen möglich. Für den Hörprozess bedeutet das: Hören kann man nicht lernen, wenn man nicht hört. Gut angepasste Hörsysteme sind die Voraussetzung, dass akustische Reize das Gehirn erreichen und folglich der Lernprozess angestoßen wird.
Motivation
Ohne Lust kann man nicht gut lernen. Antipathie zum Informationsgeber (Lehrer) behindert den Lernerfolg. Für den Anpassprozess bedeutet das: Die Auswahl und Einstellung des Hörsystems muss
- an den Wünschen des Kunden orientiert sein.
- ein (Hör-) Erlebnis beinhalten und Spaß machen.
- auf der Grundlage von Sympathie zum Hörakustik-Berater erfolgen.
Eine Hörsystem-Anpassung sollte deshalb auf der Grundlage einer Analyse erfolgen, die sowohl die Hörwünsche, d.h. den Kommunikationsbedarf, ermittelt als auch die Motivationslage erfasst. Dazu gehört, die Beweggründe für den Schritt zum Akustiker zu erkennen (selbstmotiviert oder fremdmotiviert), die Vorbehalte gegenüber Hörgeräten aufzunehmen sowie die bisherigen Verdrängungsstrategien zu erfragen. Kurz: Sachebene und emotionale Ebene müssen berücksichtigt werden. Letzteres schafft darüber hinaus Vertrauen und Sympathie.
Die Auswahl der geeigneten Hörsysteme sollte in einer vergleichenden Anpassung erfolgen, die mit realen, natürlichen Klangbildern aus der Umgebung des Kunden erfolgt. Das schafft einen Realitätsbezug und ein Erlebnis. Durch ein adaptives Vorgehen beim Feintuning mit natürlichen Klangbildern arbeitet der Kunde außerdem aktiv mit, was seine Motivation steigert. Deshalb bieten dies heute alle namhaften Hörgeräte-Hersteller in ihrer Anpass-Software an.
Um die in der Motivationsanalyse erkannten Ängste abzubauen und ein Verhalten aufzubauen, dass den Lernprozess fördert, ist ein Counselling notwendig.
Hier wird der Kunde bezüglich seines (schlechten) Hörens und der möglichen Strategien zur Verbesserung kompetent gemacht.
Counselling vermittelt daher
- Wissen über den Hörverlust
- Wissen über die Folgen
- Wissen über die Notwendigkeit der Mitarbeit
- Wissen über den (technisch und anatomisch bedingten) begrenzten Erfolg.
Reizkonstanz
Jede Woche eine neue Rechtschreibreform?
Jede Woche neue Abrechnungsmodalitäten mit den Krankenkassen?
Jede Veränderung stört den Lernprozess. Für den Anpassprozess bedeutet das: Nach dem Auffinden der geeignetsten Technik (Vergleichende Anpassung) und Feintuning derselben (adaptiv mit natürlichen Klangbildern) muss eine Zeit der Ruhe folgen, in denen die Signalverarbeitung nicht verändert wird. Nur so ist ein Erlernen der neuen Klangmuster (Frequenzabhängige Verstärkung), Lautstärken (Einganspegelabhängige Verstärkung) und Zeitmuster (Kompressionsalgorithmen) möglich.
Zeit
Lernen geht nicht von heute auf morgen, sondern nur durch permanente Wiederholung. Im Anpassprozess bedeutet das: eine Neuversorgung wird nach im Durchschnitt 10 Jahren auditiver Deprivation werden. Nachversorgungen finden in der Regel nach 6 Jahren Training der Schallwahrnehmung mit dem „alten“ Hörsystem statt. Jahrelang Gelerntes kann nicht in wenigen Tagen umtrainiert werden. Stattdessen sind bei aktiver Mitarbeit des Kunden 3 bis 6 Monate dafür erforderlich.
Fazit: Eine gelungene Hörsystemversorgung funktioniert nur mit „Hören lernen“. Zu einer strukturierten Umsetzung gehört:
- Eine Motivationsanalyse
- Die Anpassung mit natürlichen Klangbildern
- Counselling
- Motiviertes Selbst-Lernen unter Reizkonstanz
- Zeit
Diese Punkte fasst man zusammen unter dem Begriff Hörtraining.
Hörtraining heißt „Hören lernen mit Anleitung“. Jeder Kunde muss Hörtraining erleben.
Vertiefende Übungen
Die Phase des Selbst-Lernens kann unterstützt werden durch:
- einen individuell ausgearbeiteten Zeitplan
- einen strukturierten Ablaufplan für Hörübungen mit steigendem Schwierigkeitsgrad (Hausaufgaben)
- individuelle Übungen gemeinsam mit einem „Hörtrainer“, der Audio-Therapeut oder Hörgeräteakustiker sein kann.
Überblick über mögliche individuelle Übungen
Phonemanalyse
Ziel ist es, herauszufinden, welche Sprachanteile mit Hörsystem überwiegend nicht erkannt oder verwechselt werden. Dazu werden drei Reihen Einsilber aus dem Freiburger Sprachverständnistest mit verdecktem Mundbild vorgesprochen. Der Kunde spricht das Verstandene nach. Die Verwechslungen werden notiert und ausgewertet. Auf der Grundlage der Phonemanalyse werden sinnvolle andere Übungen ausgewählt. Auch kann in einem zusätzlichen Counselling u.U. dem Kunden erläutert werden, dass seine Annahme „in Ruhe alles verstehen“ zu können nicht ganz richtig ist und deshalb eine Nutzung der Hörsysteme in akustisch einfachen Situationen Voraussetzung zur Bewältigung schwierigerer Situationen ist.
Auditive Übungen
Auf Grundlage der Phonemanalyse werden die für den Kunden schwierigen Phoneme gezielt geübt. Dazu legt der Hörtrainer dem Kunden die jetzt behandelten Laute als Buchstabenkärtchen vor (z.B. die 5 Vokale und 3 Umlaute). Ein Wortteil, der einen der ausgesuchten Phoneme enthält, wird mit verdecktem Mundbild vorgesprochen. Der Kunde zeigt auf die Karte, deren entsprechender Laut verstanden wurde. Wurde falsch gewählt, wird mit sichtbarem Mundbild wiederholt, worauf nochmals die erste Übung folgt. Auf diese Weise lernt der Kunde, welcher Laut für ihn wie klingt. Er lernt verstehen.
Geräuscherkennungsübungen
Hier geht es darum, Geräusche wieder zu erlernen, d.h. einem Klang ein Ereignis zuzuordnen. Das kann auf vielfältige Weise durchgeführt werden und erhält oft einen spielerischen Charakter. Z.B. kann man kleine Filmdosen mit verschiedenen Materialien füllen. Die zwei gleich präparierten soll der Kunde durch Schütteln und lauschen einander zuordnen. Auch gibt es hier diverse CDs mit oder ohne Begleithefte.
Hörtaktik
Kann der Kunde aufgrund einer zu stark geschädigten Cochlea weniger als 60% diskriminieren, ist ein Sprachverstehen in akustisch schwierigen Situationen mit Hörtechnik alleine nicht möglich. Er muss Strategien anwenden, die sein Hör-Leben erleichtern.
Es werden daher Tipps gegeben für akustisch schwierige Situationen
Z.B. wo setze ich mich in einem gut besuchten Restaurant hin? Wie positioniere ich meinen Gesprächspartner? Wie muss ich Lichtverhältnisse und Geräuschquellen berücksichtigen? Ziele dieser Tipps sind: Minimierung der Störgeräusche, Erleichterung der Möglichkeit abzusehen sowie optimale Nutzung der technischen Features der Hörsysteme.
Für allgemeine Verhaltensweisen
Z.B. wie viel (akustische) Ruhepausen sollte ich mir vor einem wichtigen Ereignis gönnen? Wie oft sollte ich das Hörsystem nutzen? Warum ist es wichtig, immer zusätzliches Equipment wie Batterien oder Pflegemittel dabeizuhaben? Ziele sind: Vermeidung von Überbelastungen und ständige Einsatzbereitschaft meines Hörsystems.
Absehtraining
Ein Mensch mit hohem Diskriminationsverlust ist neben dem auditiven Kanal dringend auf Zusatzinformationen über den visuellen Kanal angewiesen. Auch jeder Gut-Hörende nutzt diese Möglichkeit in akustisch schwierigen Situationen (z.B. Party), indem er auf das Mundbild des Gesprächspartners schaut sowie Gestik und Mimik in die Informationsaufnahme einbezieht. Dieses „Absehen“ kann so gut trainiert werden, dass sich die Satz-Diskrimination im Störgeräusch um 20 bis 30% verbessern lässt. Auch für dieses Trainingsmodul gibt es eine Reihe von Hilfsmitteln, z.B. ein Leitfaden des Deutschen Schwerhörigenbundes oder diverse durch CDs oder Computer-Programme unterstützte Übungen.
Entspannungsübungen
Einige Schwerhörige haben eine verringerte Hör-Konzentrationsfähigkeit bedingt durch eine starke allgemeine Nervosität. Dies tritt oft im Zusammenhang mit Tinnitus und Hyperakusis auf. Entspannung lernen gibt diesen Menschen daher neben allgemeiner Lebensqualität auch mehr Möglichkeiten, sich wieder dem Geräusch-Leben auszusetzen. Einfache Übungen wie progressive Muskelentspannung sind auch zu Hause jederzeit leicht anzuwenden und können bereits eine schnelle Verbesserung erzeugen.
Verhaltenstraining
Nicht nur das eigene Verhalten verbessert das Hör-Leben, sondern auch das der anderen mir gegenüber. Z.B. muss mich ein Gesprächspartner ansehen, damit ich bei ihm absehen kann. Dazu muss der Hörgeschädigte seiner Umwelt sagen, dass er schwerhörig ist und ihr Anweisungen geben. Dieser Umgang mit der Umwelt kann spielerisch geübt werden.
Gruppen-Übungen
Einige der genannten Trainingsmodule sind geeignet, in Gruppen behandelt zu werden. Dadurch ist auch ein Erfahrungsaustausch ähnlich Betroffener möglich. Tipps aus positiven Erfahrungen einzelner können so verbreitet werden und der psychologische Aspekt, nicht alleine zu sein, wird gestärkt.
Zusammenfassung
Zu einer erfolgreichen Hörsystem-Versorgung gehört zwingend Hörtraining, weil Ohr und Gehirn neu aufeinander abgestimmt werden müssen. Das Hörsystem gleicht die Fehlfunktion der Cochlea aus. Hörtraining bewirkt das Anlegen neuer Signalmuster im Gehirn.
Für eine qualitativ hochwertige Anpassung sind notwendig:
- eine Hörtechnikanpassung moderner Hörsysteme von gut ausgebildetem Fachpersonal unter der Aufsicht eines Hörgeräteakustiker-Meisters
- Hörsystemauswahl und Feintuning mit natürlichen Klangbildern
- eine ausführliche Bedarfs- und Motivationsanalyse
- Counselling
- ene Selbstlernphase von 3 bis 6 Monaten unter Anleitung bei Reizkonstanz
- vertiefende, individuelle Übungen.
Setzt man das um, ist der Kunde ganzheitlich betreut. Der schon von den alten Römern erkannte Grundsatz für eine gute Rede, der genauso für ein gutes Lernen gilt, ist damit erfüllt: Docere, Movere, Delectare (belehren/informieren, bewegen, unterhalten).
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In Ihrem Geers-Fachgeschäft.












